Kundalini Yoga: Eine goldene Kette

Kundalini Yoga ist eine der Königsdisziplinen im Yoga. In der nach Yogi Bhajan überlieferten Form besitzt dieses Yoga eine spezifische Energie-Qualität, die sich über die Zeitalter hinweg von Generation zu Generation erhalten hat. Diese Qualität wird durch den Yogalehrer auf die Gruppe der Übenden - die Yoga-Schüler - übertragen. Dies ist ein automatischer Prozess, der sich mit zunehmender Erfahrung des Lehrers intensiviert. Er ist nur der Kanal oder der Überbringer der Qualität, die sich in beide Richtungen auswirkt: vom Lehrer zum Schüler und vom Schüler zum Lehrer. Der Schüler wird dabei aus seinen bisherigen Denk- und Wahrnehmungsmustern „enthoben“, eine Bewusstseinserweiterung findet statt. Der Lehrer wächst beim Wachstum der Schüler selber mit, seine Erfahrung steigt.

Dieser Energie-Austausch ist eine „Goldene Kette“. Der Yoga-Schüler bindet sich an eine Haltung, eine Atemführung und eine spezifische Ausrichtung des eigenen Geistes. Er bringt sich in eine bestimmt Form, die über das Körperliche hinaus geht und auch den eigenen Geist und das Energiesystem umfasst. Er begibt sich in eine Tradition, die ihn zum Zeitpunkt der Übung vollständig durchdringt. Dies ist zum einen eine starke Hinwendung zu einem ungewöhnlichen und unbekannten Zustand. Zum anderen erzeugt diese Hinwendung einen Schutzraum, der individuelle Entwicklung möglich macht.

Die Yoga-Praxis wird dadurch zu einem stabilisierenden Faktor. Die Goldene Kette kann dazu benutzt werden, um die Zeit zwischen dem Zusammenbruch der alten Zwänge und der Verankerung in sich selber zu überbrücken. Sie gewährleistet, dass der individuelle Prozess, der durch das Yoga ausgelöst wird, in sicheren Bahnen bleibt und keinen Schaden anrichtet.

Bedingung für diesen Schutz ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Energie wird nicht übertragen, wenn Yoga-Übungsreihen auf DVD-gemacht werden – zumindest nicht bei Personen, die Yoga nur auf diesem elektronischen Weg kennen gelernt haben. Dafür ist die Verbindung zu einem Yogalehrer nötig. Der Yogalehrer ist für den Schüler die Verbindung zur Tradition des Yoga – auch über den Unterricht hinaus. Dieses enge Verhältnis zwischen dem Lehrer und dem Schüler bleibt erhalten, bis der Schüler selber genug von Yoga verstanden und erfahren hat. Viele ernsthafte Yoga-Schüler werden dann ihrerseits Yoga-Lehrer, um in sich die Goldene Kette wirksam werden zu lassen - den sicheren Ort des Kundalini Yoga.

Die Goldene Kette hat eine mentale feinstoffliche Spezifikation. Neue Kundalini Yoga Lehrer lernen, wie diese Haltung in ihnen ihren individuellen Ausdruck findet und im eigenen Yogaunterricht zur Geltung kommt. Dabei wird die Individualität des Lehrers nicht tangiert. Ein Ausbruch oder Infragestellen des eigenen Lebensumfeldes ist nicht nötig. Religiöse oder moralische Vorstellungen sind nicht von Bedeutung.

Neben Yogi Bhajan beinhaltete Guru Ram Das (4. Sikh-Guru, 1534 – 1581) diese Qualifikation. Sie lässt sich mit einer neutralen aber hingebungsvollen Haltung vergleichen. Guru Ram Das legte auch den Grundstein für den Goldenen Tempel, der heute noch - umgeben von einem Nektar-Tank - im indischen Amritsar steht, und das größte Heiligtum der Sikhs darstellt. Dieser Ort atmet in der Energie der Goldenen Kette des Kundalini Yoga. Er ist explizit offen für alle weltanschaulichen Richtungen.golden-temple

Einige zeitgenössische Autoren sind der Meinung, dass sich das moderne Yoga dadurch auszeichnet, dass "eine Ablösung des religiösen Bezugs zugunsten gesundheitlicher Aspekte" stattfindet. In der Tat geben gesundheitliche Gründe oft den Ausschlag, mit Yoga anzufangen. Vielfach wird davon ausgegangen, dass Yoga wirkungsvoll genutzt werden kann, ohne mit der Tradition in Berührung zu kommen. Wer tiefer in das Yoga eintaucht, kommt aber unweigerlich an den Punkt, sich einem Prozess der Selbstverwirklichung zuwenden zu müssen. Nachhaltige Gesundheit ohne Ver-Wirklich-ung des Selbst ist nicht möglich. Der Anfänger entscheidet sich für eine kontinuierliche Praxis und trägt die daraus resultierenden Konsequenzen. Das Ego beugt sich dem Selbst.